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Stand: September 2018

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CM vom 28.09.2018, Heft 07, Seite 17 - 19, CM1281615
changement! > corporate culture > Kontraste > Aufsatz

Ehrlichkeit oder Euphemismen?

Mariann Spycher / Axel Ebert

Mariann Spycher ist Partnerin des Management Center Vorarlberg. Sie versteht sich als Vermittlerin und Brückenbauerin zwischen Abteilungen, Teams oder Hierarchiestufen. Seit über 20 Jahren begleitet sie Unternehmen durch Veränderungsprozesse.

Axel Ebert ist Diplom-Psychologe, Berater, Trainer und Co-Autor des Buchs „Bullshit Busters“ (2017) über populäre Mythen und Irrtümer aus der Weiterbildungsbranche. Er ist Mitbegründer von „Wortwelt“ und „Identitäter“, zwei Beratungen für Unternehmenssprache, -kultur und Employer Branding.

Kontraste greift kontroverse Debatten auf. Zwar ist im Change Management nichts nur so oder nur anders. Mittelwege bieten meist die besseren Lösungen. Deutliche Positionen helfen aber, die eigene Sicht- und Vorgehensweise zu klären. In dieser Debatte geht es um die Frage, ob negativ besetzte Begriffe bei der Gestaltung des Wandels verwendet werden sollten oder nicht.

Einerseits …

Mariann Spycher

Ihre Sicht: Mit freundlicher Kommunikation wirken wir gerade auch in krisenhaften Situationen stabilisierend. Wenn wir in der Kommunikation zwischen Sache, persönlicher Wahrnehmung, Interpretation und Empfindung unterscheiden, dann beziehen wir klar Stellung und bleiben gleichzeitig dem Menschen zugewandt.

… andererseits

Axel Ebert

Seine Sicht: Bestimmt die Sprache unser Denken? Schöne Worte = schöne Welt? Das sind überzogene und wissenschaftlich fragwürdige Thesen. Euphemismen funktionieren nur selten und haben Nebenwirkungen: Sie sind leicht durchschaubar, vermitteln eine gewisse Hilflosigkeit und werden als von oben verordnet erlebt.

„Houston, wir haben gerade ein Problem“, funkte die Besatzung von Apollo 13 im April 1970 an die Bodenstation.

Nach der Explosion eines Sauerstofftanks befanden sich die drei Astronauten in einer höchst misslichen Lage zwischen Erde und Mond. „Kopf hoch“, würden ihnen heute viele Trainer, Manager und Consultants zurufen und von einer „Herausforderung“ sprechen. Eine Herausforderung sei zukunfts- und handlungsorientiert, ein Problem eher lähmend. Denn genauso wie Kleider Leute machten, bestimme die Sprache unsere Stimmung. Weil wir mit Worten auch Werte verbinden, sei es gerade in den schwierigen (besser: interessanten) Zeiten des Wandels wichtig, welche Begriffe wir wählen. Dafür gibt es inzwischen lange Listen mit netten Wörtern: „freisetzen“ statt „entlassen“, „überrascht“ statt „stinksauer“, „überdenken“ statt „missbilligen“. Damit aus „talk positive“ der Eindruck „think positive“ entsteht.

„Ja, aber“ – „aber“ gehört durch seine Widerrede ebenfalls zu den negativ besetzten Begriffen –, werfen Skeptiker ein und verweisen auf die These des Sprachpsychologen Steven Pinker von der Euphemismus-Tretmühle: Schönfärbende Wörter würden sich ziemlich rasch abnutzen, die negative Bedeutung des früheren Ausdrucks annehmen und als Zeichen übertriebener politischer Korrektheit gewertet werden. Viele Zuhörer würden sogar mit den Augen rollen (besser: einen „room for improvement“ sehen) und meinen, man solle nicht die Sprache, sondern den Zustand verbessern. „Bitte“, „danke“ und eine generell freundliche Ausdrucksweise gehören zur guten Kinderstube. Wie wählt man jedoch in Zeiten des Wandels seine Worte, ohne unschöne Sachverhalte, die bei jeder Veränderung auftreten, zu sehr zu verbrämen?

Einerseits: Klar in der Sache, freundlich zum Menschen

Mariann Spycher

Die Fähigkeit zur Empathie macht uns Menschen einzigartig und unterscheidet uns von allen noch so beeindruckenden Gerätschaften. Diese Fähigkeit kommt uns auch in der Kommunikation mit anderen Menschen zugute: Wir können im Gespräch auf sie zugehen und unser Gegenüber als eigenständige und fühlende Persönlichkeit wahrnehmen. Mit dieser Haltung müssen wir auch klare Worte nicht scheuen oder schönfärben.

Eine freundliche Sprache gehört zu den guten Umgangsformen. Sie schafft eine Brücke zwischen Menschen, die verschiedene Standpunkte vertreten, Ereignisse unterschiedlich wahrnehmen und erleben. Nur im respektvollen Umgang miteinander können neue Ideen entstehen. Gerade in Change-Prozessen ist dies von entscheidender Bedeutung.

Freundlich ist nicht oberflächlich

Dennoch unterscheiden wir deutlich zwischen freundlich und oberflächlich. Das „höfliche Gespräch“ oder „talking nice“, wie Claus Otto Scharmer es nennt, bleibt an der Oberfläche, reproduziert Gewohntes und benennt nichts Unangenehmes oder Trennendes. In der Debatte („talking tough“) werden hingegen unterschiedliche Standpunkte aufgedeckt. Gerade hier werden die freundlichen Worte wichtig: Es gilt, klar und unmissverständlich zu sprechen, nicht aber das Gegenüber und seine Haltung mit einer unangemessenen Sprache abzuwerten oder gering zu schätzen. Nur so wird der Gesprächspartner wirklich zuhören. Eine auch in der Wortwahl angemessene Konfrontation hat die Chance, die Türe zu einem wirklichen Dialog zu öffnen.

Zeiten des Wandels sind bewegte Zeiten, die Betroffene emotional fordern und an die Grenzen des für sie Zumutbaren bringen können. Wenn Organisationen weniger Sicherheit und Orientierung bieten, dann erhalten stabile, zuverlässige (Führungs-)Beziehungen ein zusätzliches Gewicht. In dieser Situation müssen Führungskräfte zur Empathie fähig sein, um Mitarbeiter durch die Turbulenzen der Veränderung zu führen. Agieren Führungskräfte unfreundlich oder gar unmenschlich, dann verschließen sich die Mitarbeiter und tragen eine Veränderung nicht wirklich mit.

Stellung beziehen

Mit einer freundlichen Kommunikation können wir gerade auch in krisenhaften Situationen stabilisierend wirken. Eine freundliche, reflektierte Sprache bereitet den Boden dafür, dass Menschen sich einbringen können. Die gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg hat sich als Methode bewährt, um bewusst zwischen der Sache und der Person zu trennen. Die Kommunikation sollte hart und klar in der Sache, aber weich und wertschätzend zur Person sein. Wenn wir zwischen der Sache, unserer persönlichen Wahrnehmung, unserer Interpretation und Empfindung unterscheiden können, dann beziehen wir klar Stellung und bleiben gleichzeitig dem Menschen zugewandt. Wir lassen ihm die Freiheit, anders zu denken und zu fühlen.

Freundliche Worte sind keine oberflächlichen Worte. Sie sind höflich, wertschätzend und klar und sorgen damit für einen menschlichen, respektvollen Umgang miteinander. Auch in Krisenzeiten.

Andererseits: Die Hilflosigkeit des Neusprechs

Axel Ebert

Das mag als Einleitung für die Kontra-Position merkwürdig klingen, aber ich finde es großartig, wenn Menschen ein Problem als sportliche Herausforderung sehen können. Trotzdem ist es problematisch (nicht „herausfordernd“!), wenn differenzierende Begriffe nicht mehr verwendet werden dürfen und ein positiver Neusprech verordnet wird. Ein Beispiel aus einem Unternehmen zeigt, wozu es führen kann, wenn Mitarbeiter das Wort „Problem“ immer durch „Herausforderung“ ersetzen sollen. Als es eine Panne gab, schrieben die Vertriebsmitarbeiter den Kunden: „Bitte entschuldigen Sie die Lieferherausforderung.“ Die Kunden empfanden diese Formulierung allerdings als befremdend. Außerdem stellten die Mitarbeiter sich gleich das Schlimmste vor, wenn die Führungskräfte nun von einer Herausforderung sprachen. Das Wort hatte eine zynische Bedeutung angenommen, es wirkte noch negativer als zuvor das Wort Problem. Die Euphemismus-Tretmühle führte zu einer Bedeutungsumkehr.

Radikale Wortkosmetik scheitert oft und kann die dahinterliegende, vermeintlich hässliche Welt eben nicht schönfärben. Denn wir ahnen sofort: Mit diesen Abschwächungen will uns jemand etwas vormachen. Eine Atombombe wird nicht dadurch entschärft, dass sie „radioaktivitätserhöhende Defensivwaffe“ genannt wird. Als ob die Atombombe nicht schlimm genug wäre, ärgern wir uns nun auch noch darüber, dass uns jemand ein X für ein U vormachen will. Sprache ist dann stark, wenn sie echt ist und uns nicht mit ideologisch bemühter Schönfärbung hinters Licht führen will.

Bedingungen für sinnvolle Euphemismen

Bleibt die Frage: Unter welchen Bedingungen können Worterneuerungen erfolgreich sein? Die Antwort: Neue Wörter funktionieren, wenn sie eine neue Haltung oder einen bereits vollzogenen gesellschaftlichen Wandel abbilden. So sind beispielsweise viele „Sekretärinnen“ zu „Assistentinnen“ geworden, weil sich ihr Aufgabenfeld verschoben und erweitert hat.

Aber es ist ein Irrtum zu glauben, wir könnten einen nicht vollzogenen Wandel einfach so herbeiformulieren. Die Sapir-Whorf-Hypothese „Sprache bestimmt unsere Wirklichkeit“ hat in den letzten 50 Jahren viel wissenschaftlichen Gegenwind bekommen. Wer glaubt, mit Sprachkosmetik statt mit Inhalten die Wirklichkeit zu erneuern, wird schnell unglaubwürdig.

Wie lächerlich ein Euphemismus wirkt, hängt dabei von der Bedeutungsdistanz zwischen dem Euphemismus und dem wahrgenommenen Inhalt ab. Eine geringfügige Schönfärbung kann noch als positive Perspektive durchgehen – ein radikal ins Positive verkehrter Negativbegriff wirkt aufgesetzt.

Keine Kunstsprache

Bei aller sprachlichen Vorsicht darf unsere Sprache nicht künstlich wirken. Deshalb sollten wir auch differenzierende Negativformulierungen beibehalten, denn sie haben eine wichtige Signalfunktion: „Houston, wir haben eine Herausforderung“ hätte das Problem wohl verharmlost und nicht zu angemessenen Reaktionen geführt. Wenn Sie das nicht glauben: Schildern Sie doch bei der nächsten Autopanne einem Kfz-Mechaniker Ihre „Getriebeherausforderung“. Vielleicht wird er dann lachend abwinken: „Sehen Sie es sportlich und nehmen Sie die Herausforderung doch einfach an.“

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