changement!
Stand: August 2018

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CM vom 28.08.2018, Heft 06, Seite 12 - 16, CM1278767
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Gewissensaristokraten schweben über dem Wandel

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich studierte Philosophie und Kunstgeschichte. Ab 2006 war er Professor für Kunstgeschichte und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 2015 legte er seine Professur nieder und arbeitet seither als freier Autor in Leipzig und München. Sein aktuelles Buch zum Thema: „Wahre Meisterwerte: Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur“ (2017).

Menschen legen gern ein Bekenntnis ab. Entweder als Ausdruck ihres spirituellen Glaubens, ihres politischen Denkens oder schlicht eines singulären Lifestyle, etwa durch imagegeladene Produkte. Mehr und mehr wird auch das Reden über Werte, Haltungen und Gesinnungen zum persönlichen Bekenntnis. Mit dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich sprach Chefredakteur Martin Claßen, um herauszufinden, warum Bekenntnisse inzwischen so populär sind und Werte von Befürwortern und Gegnern organisatorischer Veränderungen wie eine Monstranz vor sich hergetragen werden.

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich

Warum läuft es Menschen, wenn sie über „ihre“ Werte reden, oft wohlig den Rücken hinunter?

Wir Menschen sprechen heute gern über Werte, weil wir dadurch beim Gegenüber und bei uns selbst den Eindruck erzeugen, dass wir auf der richtigen Seite stehen. Wir also nicht nur von unseren Egoismen geleitet werden, sondern uns an etwas Höherem und Moralischem orientieren. Doch es ist nicht nur das. Denn das Bekenntnis zu Werten drückt auch aus, dass man autonom handeln und kreativ gestalten, sich in einer pluralistischen Welt also individuell entfalten kann. Bei anderen moralischen Sprechweisen in der Vergangenheit, etwa über Tugenden, Pflichten oder gar Sünden, fehlte diese Selbstbestimmung und sie wurden deshalb nicht als wohlig empfunden. Denn den Ansprüchen, wie sie aus einer Pflichtethik erwachsen, kann kaum jemand genügen. Menschen fühlen sich durch die fremde Moral eingesperrt oder zumindest eng an die Kandare genommen. Das Sprechen über Werte ermöglicht

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